Demonstration: Gedenkt der Opfer, nicht der TäterInnen!

Diesen Monat gedenken wir – 77 Jahre nach den Novemberpogromen 1938 – der Opfer  antisemitischer Barbarei durch das NS-Regime. 

Die Novemberpogrome, auch Reichskristallnacht oder Reichspogromnacht genannt, markieren den Übergang von der systematischen Verfolgung von JüdInnen ab 1933 bis hin zu deren Vernichtung im Holocaust. Vom 7. bis 13. November 1938 wurden etwa 400 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. Über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Ab dem 10. November wurden etwa 30.000 JüdInnen in Konzentrationslagern inhaftiert.

Die Shoah markiert den kompletten Zivilisationsbruch deutscher- und europäischer JüdInnen. Mit einem vehementen Vernichtungsantisemitismus verfolgten die Deutschen in einer kollektiven Anstrengung das Ziel, das deutsche Reich durch Holocaust und Krieg in Europa und darüber hinaus zu etablieren. Die deutsche Volksgemeinschaft beseitigte all jenes, was jüdisch war oder „jüdischen Einfluss“ hatte. Auch sogenannte „Rassenschänder“, so wie auch Schwarze, Homosexuelle, Behinderte und auch die Gemeinschaft der Sinti und Roma waren dem Naziterror ausgesetzt.

Antisemitismus in Lingen von 1933 bis 1945

Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 wurden auch in Lingen JüdInnen zunächst wirtschaftlich ausgegrenzt. Am 1.April 1933 postierten sich SA-Angehörige vor den wenigen jüdischen Geschäften, um potenzielle KundInnen vom Betreten abzuhalten. Die Angriffe richteten sich in den Jahren 1933/1934 insbesondere gegen die jüdischen Viehhändler in und um Lingen.

Während der Novemberpogrome von 1938 wurde die Lingener Synagoge von SA-Männern in Brand gesetzt. Sie brannte am Morgen des 10.November völlig nieder. Das nahestehende jüdische Schulgebäude blieb verschont. Gleichzeitig demolierte die SA das letzte in Lingen noch bestehende jüdische Geschäft. 19 jüdische Männer und Frauen wurden auf der Polizeiwache im Stadthaus inhaftiert.Die meisten wurden nach wenigen Stunden wieder freigelassen, sechs Männer wurden ins KZ Buchenwald deportiert.

Bis zum Ausbruch des Krieges emigrierten etwa zwei Drittel der Lingener JüdInnen, meist in die Niederlande oder nach Belgien. Nach der deutschen Besetzung dieser Länder wurden die dorthin geflüchteten JüdInnen von Mechelen und Westerbork aus in Konzentrationslager im Osten deportiert und dort ermordet. Die wenigen noch in Lingen lebenden JüdInnen mussten Ende 1939 ihre Wohnungen verlassen und wurden in die beiden „Judenhäuser“ in der Marienstraße 4 und Wilhelmstraße 21 eingewiesen. Wer nicht vor 1941 emigrieren konnte, wurde deportiert. Im „Judenhaus Marienstraße“ verbrachten auch mehrere JüdInnen aus Freren, Haren, Lengerich und Meppen die letzten Monate vor ihrer Deportation. Nachweislich wurden zwölf JüdInnen aus Lingen Opfer der Shoa.

Aus der Geschichte gelernt? 

Heute, 70 Jahre nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands müssen wir feststellen, dass antisemitische, rassistische, nationalistische, homophobe und sexistische Ideologien immer noch stark in der Gesellschaft präsent sind. Mit der Niederlage Deutschlands endete zwar der Holocaust und der Vernichtungskrieg,  Antisemitismus und weitere Elemente menschenverachtender Ideologien bestehen jedoch in der heutigen Bundesrepublik weiterhin.

Die Zahl der Gewalttaten gegen jüdische MitbürgerInnen und jüdische Institutionen stieg im letzten Jahr enorm an. Z.B. wurde in Wuppertal ein Brandanschlag auf eine Synagoge verübt. In Oldenburg wurde zum wiederholten Male der jüdische Friedhof mit Hakenkreuzen beschmiert.  Im Zuge der sog. „Montagsmahnwachen für den Frieden“, werden jüdische Bankiers für die Krisenherde der Welt verantwortlich gemacht und sich dem antisemitischen Ressentiment des über allem thronenden, weltbeherrschenden Judentums bedient.

Rassistische Massenproteste wie Pegida bringen tausende Nazis, Otto-Normal-RassistInnen und „besorgte BürgerInnen“ auf die Straße. Die rechtspopulistische AfD verzeichnet einen immer größeren Zulauf. In nahezu jedem deutschen Provinznest bildeten sich BürgerInneninitiativen gegen die Einrichtung von Geflüchtetenunterkünften. Auch im Bundestag wird die Stimmung befeuert und über „Flüchtlingslawinen“, „Asylmissbrauch“ und die Schließung der Grenzen debattiert. Diese mediale Brandstiftung gipfelt in beinahe täglichen Angriffen auf Asylsuchende und deren Unterkünfte. Heidenau und Freital sind in diesem Zusammenhang wohl jedem ein Begriff. Zunehmend greift die Bevölkerung zu Ungleichwertigkeitstheorien und Verschwörungsmustern, um die Schuld an der eigenen Misere auf Feindbilder zu projizieren. Von einem „aus der Geschichte lernen“ kann also nicht die Rede sein.

Gedenken in Deutschland – Deutsche TäterInnen sind keine Opfer.

Deutschland  gibt sich als „Aufarbeitungsweltmeister“. Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit findet jedoch größtenteils auf einer symbolischen Ebene statt. Laut einer Umfrage von Bertelsmann möchten 81 Prozent der deutschen Bevölkerung die Geschichte der JüdInnenverfolgung „hinter sich lassen“. Sogar bei der Kriegs- und Nachkriegsgeneration waren noch 61 Prozent der Befragten dieser Meinung. Die Zurückweisung der Deutschen, TäterInnen zu sein, kommt z.B. dann wieder zum Vorschein, wenn die Einschätzung „WIR haben den Krieg verloren“ ausgesprochen wird und die Gedenkveranstaltungen zum „Volkstrauertag“ mehr Beachtung finden, als z.B. die zur Reichspogromnacht. Dies zeigt, dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung die Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus von sich weisen und als „Geschichte“ verbuchen will, „mit der man nichts mehr zu tun hat“.

Auch in Lingen bleibt das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eine Randerscheinung. Der in Lingen aufgewachsene Rennfahrer Bernd Rosemeyer hingegen, der bereits 1932 in die SS eintrat und durch seine Erfolge zur Propagandafigur der Nazis wurde, wird weitgehend unkritisch gewürdigt. Nach ihm ist in Lingen sogar eine Straße benannt. Der jüdischen Familie Frank, die in direkter Nachbarschaft zu Rosemeyer gelebt hat, wird lediglich mit unscheinbaren „Stolpersteinen“ gedacht. Diese bleiben, so wie auch die anderen Lingener Opfer des Nationalsozialismus, in der Bevölkerung weitgehend unbeachtet. Darum ist es notwendig, den Opfern der Nazis zu gedenken und eine politische Auseinandersetzung über menschenverachtende Ideologien jeglicher Ausrichtung zu führen.

„(…) dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe.“ (Theodor W. Adorno)

Demonstration
28.11.2015
15:30 Uhr • Lingen • Bahnhof

Die Demonstration findet im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus statt:

Die Demonstration findet im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus stat

 


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